Im Film Das schöne Mädchen schaffen es die Hauptfiguren, eine – wenn auch befangene – Ausstrahlung und jugendliche Ästhetik darzustellen, ohne sich einem Diktat zu unterwerfen. Im winterlichen Paris sind es nicht Frauen, die in knappen Miniröcken tapfer frieren oder heroisch über das Metropolen-Pflaster stöckeln. Ihre Schönheit lebt von Ausstrahlung und kaum drapierter Attraktivität. Individualität bestimmt die Charaktere, deren gewiss sorgsam gewählte Garderobe beiläufig und typfördernd daher kommt. Es ist diese französische Leichtigkeit und vermeintliche Beiläufigkeit, die besticht. Ob Kleidung oder Schuhe, sie tragen zu einem Gesamtbild bei, ohne bemüht oder gar aufgetakelt zu wirken. Einzig Italienischlehrer Nemours, nicht viel älter als seine Schüler, kommt als smart gekleideter Frauentyp daher. Individualität wird nicht zur Schau getragen durch auffällige und schrille Kleidung, sondern entsteht durch Kleinigkeiten, erst auf den zweiten Blick erkennbare Accessoirs wie Schal, Mütze, Handschuhe oder eine außergewöhnliche Tasche. Wie auch die Sprache, so ist in diesem Film nichts auf Jugendlichkeit getrimmt. Man bedient sich einer leicht gehobenen Sprache, ohne literarisch abzuheben – und man bedient sich einer originellen und individuellen Garderobe, ohne Mode und Style in allzu plakativen Bildern zu zeigen.

Junis Frisur

Junies Frisur zum Beispiel ist mit ihrem Pony und ihrer Schlichtheit sehr französisch, ohne das Klischee eines strengen Pagenkopfes zu erfüllen. Sie wird als schön empfunden, weil sie natürlich wirkt. Nemours Kleidung enthält in jeder Hinsicht Attribute seines Casanova-Daseins, doch sie scheint ihm im Verlauf des Films immer weniger wichtig zu sein. Bei aller Eitelkeit trägt er eine wirre Frisur, die selbst bei noch so klassischer Kleidung ein Signal ist für Individualität. Schon durch seine Kleidung zeigt er, dass er älter ist, gleichzeitig jedoch auch, dass er genau diese künstliche Kluft überbrücken will. Wenn man genau hinschaut, wird man erkennen, dass hier nicht gerade die typische Garderobe von 16-Jährigen gewählt wurde. Und man erkennt auch erst bei näherer Betrachtung, dass die Garderobe überhaupt so sorgfältig gewählt wurde. Schönheit ist eben immer ein Gesamtbild aus Mode, Gemütslage und Situation.

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